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Technik vs. Bauch

Es passiert mir ab und zu, dass Gespräche mit anderen Fotografen, Profis zum Teil, auf einmal in Gefilde führen, von denen ich überhaupt nichts verstehe. Da geht es dann zum Beispiel darum, dass man wissen muss, wie sich die verschiedenen Objektive an den verschiedenen Kameras verhalten in Sachen Schärfe, Vignettierung usw. Da wird von optischer Achse geredet und Hyperfokaldistanz, von Schärfevarianten und HDR. Und das sind jetzt nur die wenigen Sachen, an die ich mich dunkel erinnern kann. Alles andere konnte ich mir noch nicht einmal merken.

 

Ich versuche in solchen Situationen meist, ein möglichst undefiniertes Gesicht zu machen und an den richtigen Stellen zu nicken, während gleichzeitig "Bahnhof? Wovon spricht der eigentlich? Hoffentlich merkt niemand, dass ich null Plan habe!" durch meinen Kopf schiesst.

Manchmal traue ich mich aber, eine kleine Frage zu stellen, die mich auch sofort der kompletten Unwissenheit überführt, und bekomme zur Antwort: Wie? Mein Gott, du hast das noch nie berücksichtigt / gemacht!? Das musst du, unbedingt! Ohne geht nicht!

 

Das sind so Momente, in denen ich jeweils auf die Grösse eines Korkens zusammenschrumpfe und merke, dass ich anscheinend wirklich rein gar nichts darüber weiss, worauf es beim Fotografieren oder bei der Bildbearbeitung ankommt.

 

Und ich beginne mal wieder, an mir zu zweifeln. Wie konnte ich bisher überhaupt Bilder machen? 

 

Es kam schon vor, dass ich nach solchen Gesprächen youtube Videos gegoogelt oder technische Hilfsmittel eingekauft habe, zum Beispiel einen Color Checker mit Graukarte - denn keine Graukarte? Geht ja gar nicht!

 

Um es gleich vorwegzunehmen, der Color Checker kam noch nie zur Anwendung. Ich bin einfach nicht der Typ, der vor einem Shooting, ob nun mit den eigenen oder mit fremden Hunden, ein Graukarten Testfoto für den Weissabgleich macht. Sowas ist mir zu unwichtig. Ich nutze diese Zeit lieber dafür, den Hund ankommen zu lassen. Ob am Ende nun der Weissabgleich zu 100% stimmt, ist mir egal. Ich gehe nach meinem Bauchgefühl (da ist er, der Bauch!) und verändere ihn einfach nachträglich, bis mir das Bild stimmig erscheint. Wobei ich mich meistens auf meine Kamera verlassen kann. Der einzige Automatikmodus übrigens, den ich verwende. 

 Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass die Graukarte in anderen Bereichen der Fotografie ein wichtiges Hilfsmittel ist. 

 

Und schärfen tu ich - keine Ahnung wie. Ich habe mir mal eine Photoshop Aktion gekauft, in dem es einen Bearbeitungsschritt "schärfen" gibt. Genau diesen nehme ich praktisch immer. Was er aber macht? Keine Ahnung. Das Ergebnis passt und das reicht mir.

 

Wenn ich ehrlich bin, wusste ich auch lange nicht, was ich mit diesem Crop Faktor anfangen soll, von dem ich ständig gelesen habe. Na gut, eigentlich weiss ich es heute noch nicht wirklich genau, aber ich weiss zumindest, was er verursacht. Doch hätte dieses Wissen meine Art zu fotografieren beeinflusst? Bestimmt nicht. Denn es ist in dem Moment, wo ich das Foto schiesse, komplett nebensächlich.

 

Für mich ist es wichtig, dass ich das Zusammenspiel von Belichtungszeit, Blende und ISO verstehe und weiss, was ich mit diesen drei Elementen beeinflussen kann. Der Rest ist Bauchgefühl. Passt eine Location oder nicht? Gefällt mir das Licht oder nicht? Ist mein Bildschnitt spannend oder langweilig? Das alles entscheide ich aber selten bewusst mit dem Kopf, sondern lasse mich einfach von meinem Bauch leiten. Wenn der mir vermittelt, das ist gut, dann vertraue ich ihm.

Meine Bilder sind technisch bestimmt nicht perfekt und das werden sie vermutlich auch nie sein. Aber sie vermitteln eine bestimmte Stimmung, ein Gefühl.

Ich fotografiere mit Auge und Bauch, meine linke Hirnhälfte spielt in dem Moment nur eine untergeordnete Rolle, obwohl sie sonst eigentlich mein Leben regiert.

 

Ich fotografiere mit Leidenschaft und ohne Rücksicht auf (eigene) Verluste. Meine Kamera schwebt öfter mal nur Millimeter über dem Wasser, sie kommt auch im Regen ohne grösseren Schutz zum Einsatz. Meine Knie und Beine sind nie vorzeigbar, weil sie ständig mit Kratzern und Blutergüssen übersät sind. Letztens bin ich im Fluss wieder einmal rückwärts über einen Stein gestolpert und ins Wasser geplatscht, aber da kann ich mich dann immer auf meine Reflexe verlassen, welche die Kamerahand sofort in die Luft schnellen lassen. 

 

Wenn mich so eine technische Finesse, von der ich heute noch nichts weiss, eines Tages einmal vor ein Problem stellt oder mir aus einem solchen heraushelfen könnte, werde ich mich bestimmt damit auseinandersetzen. Aber bis dahin kommen mein Bauch und ich beim Fotografieren ganz gut zurecht.  

 

Ich werde also von jetzt an kein Korken mehr sein!